Hallo, ich heiße Gert und bin SEO
In den letzten Tagen ist die Diskussion um Googles Datenhunger erneut aufgekommen (oder besser gesagt von Microsoft wieder mal zu Google umgeschwappt). Falls jemand gerade vom Urlaub zurückgekommen ist: Google hat seinen Webbrowser Chrome released, der sehr hungrig nach Userdaten ist (oder auch nicht, je nach Blog den man liest).
Meiner Meinung nach ist die Diskussion sehr engstirnig auf Google konzentriert. Ironischerweise sind es wir, die SEOs, Web Analysten und Online-Marketer, die laut aufschreien wenn Google (wieder mal) eine neue Möglichkeit gefunden hat, noch mehr Daten über uns zu sammeln.
Hallo, ich heiße Gert und bin SEO
Ich heiße Gert und bin SEO. Ich bin im Bereich SEO und Web Analytics tätig. Im Moment beschränken sich die Dinge die ich über meine Website-Besucher weiß weitgehend auf Browser- und Betriebssystemdaten, Auflösung, Herkunft, etc. (siehe Google-Analytics: “Besucher”).
Aber ehrlich gesagt: Hätte ich die Möglichkeit, würde ich gern mehr wissen! Hätte ich zB uneingeschränkten Zugang zur Browser-History, würde ich gern Benutzerprofile erstellen, wie zB “User die sich auf orf.at über Aktuelle Geschehnisse in Österreich informieren, kaufen eher Produkte der Marke A, jene, die auf derstandard.at Forumeinträge schreiben, bevorzugen Marke B”. Das wäre doch super, dann biete ich in einem von mir betreuten Onlineshop gleich die bevorzugte Marke an.
Vielleicht sind User die bei Amazon einkaufen seltener bereit, Portogebühren zu bezahlen als solche, die bei conrad einkaufen? Gut, dann bekommt jeder User aufgrund seiner History entsprechende Konditionen. Möglicherweise sind Blogger die optimale Zielgruppe für Online-Buchhandel?. User die Spiele downloaden bestellen eventuell lieber aus dem Katalog, etc.
Gut, das mögen jetzt überspitzte Beispiele sein. Mir geht es darum, dass wir selbst mal in den Spiegel sehen. Viele von uns betreiben ihre eigenen (Online-)Firmen und ich würde mal sagen 99% von uns versuchen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – alle Informationen über ihre Kunden und Besucher zu sammeln, die man nur irgendwie bekommen kann.
Wenn ich eine Webapplikation programmiere und nach Projekt-Übergabe vom Kunden Zugang auf die Daten bekomme, analyisere ich sie und werte Sie für zukünftige Projekte aus. In zukünftigen Projekten kann ich so effizienter arbeiten und erziele vielleicht einen höheren Preis in Verhandlungen mit Kunden.
Eine andere Liga
Klar, Google spielt in einer anderen Liega. Immer mehr Bereiche deckt Google mit großteils hochqualitativen und an unsere Bedürfnisse angepassten/anpassbaren Lösungen ab. Google kann zusätzlich durch seine Vormachtstellung in der Online-Werbewelt Umsätze dadurch erzielen, dass man weiß, was den jeweiligen User in etwa interessiert. Das wär’s doch eigentlich was wir alle wollen, oder?
Wenn ich heute Online-Werbung mache, dann doch nur dort wo ich meine Zielgruppe vermute. Kann ich dann zusätzlich – bei sozialen Netzwerken o. ä. – noch einschränken, ob die Werbung nur weiblichen oder männlichen Usern angezeigt wird, umso besser. “Mache ich Werbung für Haftcreme, dann diese bitte nur für die User über 60 anzeigen”.
Meine Liga
Ich mache dasselbe wie Google, nur halt in “meiner” Liga. Wenn meine Firma Erfolg hat, steige ich auf in die nächste Liga. Bei mehr Erfolg in eine noch höhere. In jeder Liga verdiene ich mehr Geld als in der vorigen und sammle mehr Daten. Der Mitbewerb wird mich zunächst ignorieren, dann bemerken, später beneiden, bald danach schätzen, irgendwann vielleicht fürchten … und dann kommt wahrscheinlich der Moment, indem meine Arbeit von der ganzen Welt analysiert wird.
Man wird überprüfen welche Produkte von mir Daten sammeln, über welche Formulare auf meinen Webseiten welche Daten gesammelt werden. Man wird mich fragen, wie lange ich diese Daten aufbewahre und was ich damit mache. Man wird verlangen, dass ich öffentliche Erklärungen abgebe und Top-Anwälte meine Nutzungsbedingungen schreiben lasse. Ich werde großzügig die Dauer der Speicherung der genauen Benutzerdaten verkürzen (was mir komplett egal ist, da innerhalb kürzester Zeit meine Analysen abgeschlossen sind). Ich werde ein neues Produkt auf den Markt bringen und die Medien werde über mich reden, ohne dass ich dafür bezahle. Sie werden detailliert über sämtliche meiner Produkte sprechen, vielleicht sogar Empfehlungen abgeben wie (”ein hervorragendes Produkt wenn dir deine Userdaten egal sind”). Ich werde mich freuen, da ich mir einen Haufen Geld für Werbung gespart habe und werde noch mehr Geld verdienen, noch mehr Daten sammeln und alles wird weitergehen wie bisher.
Was soll das ganze?
Google hat erreicht wovon wir alle träumen: die Vormachtstellung am weltweiten Online-Markt. Immer weiter hat Google seine Vormachtstellung ausgebaut (natürlich auch auf Grund der gesammelten Daten die Produkte optimiert und Produkte für die aktuelle Nachfrage entwickelt.
Wann kam der Punkt, an dem sich Google von unserem Vorbild zu unserem Feindbild gewandelt hat? Wann begann das Datensammeln ein Problem für uns zu werden?
Tausende Menschen füllen ohne nachzudenken Gewinnspiele in Einkaufszentren und Supermärkten aus und geben Daten bis hin zum Bruttoeinkommen bekannt. Wen stört’s? Wie viele von uns beschweren sich über Amazon und die auf unser Profil zugeschnittenen Angebote? Wie viele von uns denken an die Daten, die andere über uns wissen?
Wenn ich heute in den kleinen Supermarkt um die Ecke gehe, wird mich die Verkäuferin fragen, ob ich den neuen Kaffee schon probiert habe der seit kurzem im Angebot ist. Sie kennt mich als guten Kunden und weiß, dass ich gern Kaffee trinke und erinnert sich nicht, dass ich den neuen Kaffee schon mal gekauft hätte. Wenn der Besitzer eines der drei Restaurants im Ort sieht, dass ich zur Konkurrenz essen gehe, wird er mich auf der Straße nun besonders nett grüßen und nächstes Mal bekomme ich vielleicht sogar ein Gratis-Dessert – warum wohl?
Das soll nicht so klingen als ob mir Google und sein Datenhunger egal wäre. Datenschutz ist ohne Zweifel ein enorm wichtiges Thema. Ich glaube jedoch, dass die Diskussion zu sehr auf Google konzentriert ist. Man verliert dabei sehr leicht den Blick auf die eigene Arbeit und die Ziele, die man sich gesteckt hat. Vielleicht sollte man eher diskutieren, ab wann Datensammeln ein Problem wird. Hängt es vom erzielten Umsatz ab? Geht es um Monopolstellungen? Oder ist es vielleicht Neid der uns dazu treibt, den führenden Konzern kollektiv zu verurteilen und zu vergessen, dass wir selbst gern in der Lage wären zu wissen, was unsere Websitebesucher als nächstes kaufen möchten?
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September 10th, 2008 at 1:58 pm
Interessante Sichtweise. Ich denke ab einer gewissen Macht am Markt muss die Menge an Daten die man sammelt reduziert werden. Die Gefahr besteht hier darin, dass Daten aus verschiedenen Bereichen des Lebens bei einem Konzern gespeichert sind.
September 11th, 2008 at 11:27 pm
Was grundsätzlich vergessen wird, dass zielgruppengerechte Werbung dazu führt, dass ein Mann keine Tampon-Werbung vorgesetzt bekommt und eine Frau vielleicht von der Bier-Promotion verschont wird – sprich, jede Zielgruppe erhält im Idealfall nur relevante Informationen und wird nicht mit unnützen Werbebotschaften zugetextet. Ich für meinen Fall bin froh, wenn Werbung “zu mir passt” und meinen Geschmack/Bedürfnis trifft.
Um das bestmöglich zu erfüllen benötigt man Daten. Früher hat man Alter/Einkommen erhoben, dann sozio-demografische Daten und auch psychografische Daten. Heute kommt eben das Such- und Surfverhalten im Web dazu.. Die Zeiten ändern sich halt!
September 16th, 2008 at 11:27 am
Ich denke auch dass momentan zu viel über Google geredet wird, auch andere Firmen machen zielgruppenorientierte Werbung und sammeln Daten.
@Martin:
Das Problem besteht darin, dass das Such- und Surfverhalten Google Daten über unser gesamtes Leben verrät, das sich immer mehr im Internet abspielt, es geht um viel mehr als nur Alter und Einkommen.